Freiburg, Juni 2026
Im Juni war ich in Freiburg. Deutscher Anwaltstag, Messe Freiburg, rund 1.600 Anwältinnen und Anwälte. Das Motto: »Anwaltschaft im Aufbruch — Zukunft gestalten«.
Die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Anwaltvereins hatte die Messlatte vorab selbst gesetzt. Der Einzug massentauglicher KI-Systeme, sagte sie, sei so disruptiv, wie es zuletzt vor ein paar Jahrzehnten das Internet war. Das ist ein großer Satz, und er stimmt.
Entsprechend sah das Programm aus. Der DAV hatte es selbst mit »KI satt« beworben und versprochen, gemeinsame Orientierung im KI-Dschungel zu geben. Fünf Veranstaltungen allein zur künstlichen Intelligenz, über zwei Tage verteilt. Chancen, Pflichten, Risiken. Rollout und Change Management. KI-gestützte Rechtsberatung. Das Ob und Wie des Einsatzes. KI als Rechtsdienstleistung. Die Fragen, auf die das Programm antworten wollte, standen schon in der Ankündigung: Was ist sinnvoll? Was ist erlaubt? Wie gelingt der Einsatz im Alltag?
Ich habe zugehört. In den Sälen, auf den Fluren, am Kaffee. Und ich habe ein Muster gehört, das mich seitdem nicht loslässt.
Alle haben über KI gesprochen. Kaum jemand über das, was sie mit dem eigenen Geschäft macht.
Was gesagt wurde
Nehmen wir die zentrale Veranstaltung, »KI in der Kanzlei: Chancen, Pflichten, Risiken«. Zwei erfahrene, kluge Referenten, ein voller Saal. Ich will fair sein: Es wurde nichts Falsches gesagt.
Es ging um Abhängigkeit — wie verletzlich eine Kanzlei ist, wenn ihre Werkzeuge ausfallen, bis hin zum Hinweis, dass sich selbst die Justiz auf Stromausfälle von bis zu 72 Stunden vorbereite. Es ging um Halluzinationen und darum, dass sie weniger eine Frage des Sachlichkeitsgebots seien als eine der Gewissenhaftigkeit. Es ging um die Verschwiegenheitspflicht und darum, dass Anonymisierung kein Allheilmittel ist.
Dann kamen zehn Thesen. Die erste lautete: Jede Kanzlei braucht eine KI-Strategie. Es folgten Mandatsdaten nur geschützt einsetzen, KI-Richtlinie und Schulungen als Pflichtprogramm, KI-Ergebnisse kontrollieren, das Cyber-Risiko ernst nehmen. Als praktische Empfehlung für den Kanzleialltag wurde Microsoft Copilot genannt, dazu der Rat, eine Cyber-Versicherung abzuschließen.
Die Fragen aus dem Publikum gingen in dieselbe Richtung. Ob man KI-Schriftsatzfluten durch eine Stärkung der mündlichen Verhandlung eindämmen könne. Warum Rechtsschutzversicherungen für ungeprüfte KI-Fehler nicht einstehen werden. Was in einem Auftragsverarbeitungsvertrag stehen müsse. Eine Kollegin wies darauf hin, dass amerikanische Behörden auf Daten von US-Anbietern zugreifen können. Überzeugende europäische Alternativen konnte im Raum niemand nennen.
Zum Schluss eine Durchsage: Der Fahrer eines weißen Porsche möge sich bitte an der Information melden.
Ich erzähle das nicht, um mich über die Veranstaltung lustig zu machen. Eine der Referentinnen hat sogar den wichtigsten Satz des ganzen Tages gesagt: Der Effizienzgewinn zwinge dazu, sich mit dem Wie des KI-Einsatzes zu beschäftigen, nicht mehr mit dem Ob. Das ist richtig. Es ist nur nicht die Frage, die im Raum lag.
Hygiene ist keine Richtung
»Jede Kanzlei braucht eine KI-Strategie.« Lest diesen Satz noch einmal langsam. Er ist wahr. Er ist auch vollkommen leer.
Stellt euch vor, jemand hätte 1970 auf dem Kongress des Lebensmittelhandels verkündet: Jeder Kaufmann braucht eine Preisstrategie. Alle hätten genickt. Niemand hätte danach etwas anders gemacht. Denn der Satz sagt nicht, welche. Er sagt nicht, dass zwei Brüder aus Essen gerade dabei sind, den Markt umzubauen. Er sagt nicht, dass es künftig nur noch zwei Arten gibt zu gewinnen und dass die Mitte verschwindet. Er sagt nur, dass man sich Gedanken machen sollte. Das wussten alle schon.
Was in Freiburg gesagt wurde, war Hygiene. Richtlinien, Verträge, Versicherungen, Datenschutz, Kontrolle der Ergebnisse. Das ist das Pflichtenheft — die Liste der Dinge, die man nicht falsch machen darf. Man braucht es, und wer es ignoriert, wird Ärger bekommen.
Aber ein Pflichtenheft ist keine Landkarte. Es sagt euch, wie ihr sicher fahrt. Es sagt euch nicht, wohin die Straße führt.
Die Frage, die eigentlich in diesen Saal gehört hätte, war keine Frage der Hygiene. Sie lautet nicht: Welches Werkzeug ist datenschutzkonform? Sie lautet: Gibt es mich in fünf Jahren noch? Was passiert mit meinem Geschäft, wenn die Arbeit, die ich verkaufe, plötzlich einen Bruchteil kostet? Wer nimmt mir meine Mandanten weg — und was kann ich jetzt dagegen tun?
Ich würde gerne schreiben, dass diese Frage unausgesprochen in jedem Kopf saß. Ich glaube es nicht. Bei einigen sicher, bei denen, die schon weiter denken. Aber bei der Mehrheit? Mein Eindruck war ein anderer: Die meisten haben sie sich noch gar nicht gestellt. Und das ist beunruhigender, als wenn alle sie im Stillen mit sich herumgetragen hätten. Eine Frage, die man verdrängt, kann man irgendwann doch noch stellen. Eine Frage, die man nicht einmal sieht, stellt man erst, wenn die Antwort schon feststeht.
Auf diese Frage habe ich in Freiburg keine Antwort gehört. Nicht, weil die Organisatoren sie übersehen hätten. Sondern weil sie unbequem ist. Hygiene kann man lehren. Richtung muss man wählen. Und wählen heißt, sich festzulegen und falschliegen zu können.
»In Freiburg hat man der Anwaltschaft erklärt, wie man KI sicher benutzt. Niemand hat ihr erklärt, wie man sie überlebt.«
Das ist der Grund, warum man nach so einem Tag nach Hause fährt und sich beschäftigt fühlt, aber nicht sicherer. Man nimmt sich vor, eine KI-Richtlinie zu schreiben. Wie man die eigentlich schreibt, hat einem allerdings auch niemand gesagt — die These lautete nur, dass man eine braucht. Also sucht man sich eine Vorlage, passt drei Absätze an und legt sie ab. Und die eigentliche Frage liegt am nächsten Morgen genau da, wo sie am Abend vorher lag.
Warum der Kopf in den Sand geht
Dass so viele abwarten, hat nichts mit fehlender Klugheit zu tun. Im Gegenteil. Es hat mit einer Stärke zu tun — einer der größten Stärken eures Berufs, die in genau dieser Lage gegen euch arbeitet.
Eure ganze Ausbildung dreht sich darum, Risiken zu sehen. Ihr lernt, die zehn Prozent zu finden, die an einem Vertrag nicht stimmen. Ihr lernt, jede Aussage zu prüfen, jedes Argument vorwegzunehmen, jede Frist zu sichern. Ihr werdet dafür bezahlt, dass ihr das Unheil kommen seht, bevor es eintritt — und es verhindert. Das ist eine großartige Fähigkeit. Sie ist der Kern eures Berufs.
Aber sie hat eine Schattenseite. Wer darauf trainiert ist, Risiken zu vermeiden, lernt nie, Risiken zu nehmen. Und in einer Welt, die sich verschiebt, ist die größte Gefahr nicht der falsche Schritt. Es ist das Stehenbleiben. Nur fühlt sich Stehenbleiben für einen Juristen nicht wie ein Risiko an. Es fühlt sich an wie Vorsicht.
Deshalb sind die Hygiene-Fragen so beliebt. Datenschutz, Haftung, Versicherung — das sind Risiken, die man mit juristischen Mitteln beherrschen kann. Man fühlt sich kompetent dabei. Die Frage nach dem eigenen Geschäftsmodell dagegen ist keine juristische Frage. Es gibt keinen Kommentar dazu, kein BGH-Urteil, keine herrschende Meinung. Sie verlangt eine unternehmerische Wette, und dafür hat euch niemand ausgebildet.
Man sieht diesen Reflex auch dort, wo es um die Struktur des Berufs geht. Als das Justizministerium fragte, ob man das Fremdbesitzverbot lockern solle, lehnten fast zwei Drittel jede Lockerung ab. Dafür gibt es gute Gründe, die Unabhängigkeit des Berufs ist ein echtes Gut. Aber es ist dieselbe Bewegung: Die Mauer wird höher gezogen, statt zu fragen, was man hinter ihr baut.
Und dann ist da noch der Kaufmann von 1970 aus Teil 1. Er hatte jedes einzelne Jahr recht, wenn er sagte, der Discounter betreffe ihn nicht. Das ist das Heimtückische an einer langsamen Verschiebung: Sie belohnt das Abwarten, Jahr für Jahr, bis zu dem Jahr, in dem es zu spät ist.
»Stehenbleiben fühlt sich für einen Juristen nicht wie ein Risiko an. Es fühlt sich an wie Vorsicht.«
Die Antwort auf Angst ist ein Montag
Was hilft gegen diese Art von Angst? Keine weitere Tagung. Keine KI-Strategie im Ordner. Was hilft, ist das, was jede gute Anwältin einer Mandantin in der Krise sagt: Wir machen jetzt zusammen drei Sachen, und dann schlafen Sie heute Nacht ruhig.
Angst entsteht, wenn eine Frage zu groß ist, um sie anzufassen. »Wie überlebt meine Kanzlei die KI?« ist zu groß. Niemand kann sie an einem Montagmorgen beantworten. Also zerlegt man sie, bis die Stücke klein genug sind, um sie anzufassen. Ein Stück nach dem anderen.
Hier sind vier Stücke. Keines dauert länger als einen Nachmittag.
Erstens: der eine Satz. Die Übung aus Teil 1. Schreibt auf, warum eine Mandantin zu euch kommen sollte und nicht zum billigsten oder zum besten Anbieter. Ein Satz, ehrlich. Wenn er Erfahrung, Kompetenz, Diskretion enthält, fangt von vorne an. Dieser Satz ist der Anfang eurer Richtung.
Zweitens: die fünfzig Akten. Nehmt euch die letzten fünfzig abgeschlossenen Mandate und sortiert sie: Routine, die sich tausendfach gleich wiederholt, oder Fälle mit Tragweite, in denen euer Urteil und eure Person den Unterschied machen. Das Verhältnis zeigt euch, ob in eurer Kanzlei eher ein Aldi Law oder ein Apple Law steckt.
Drittens: eine Routine weniger. Sucht euch in diesem Monat eine einzige Tätigkeit, die ihr jede Woche macht und die nie euer Beruf war. Die Nachbereitung der Mandantentelefonate, die Mietspiegel-Berechnung, die Eingangsbestätigung. Nehmt sie von eurem Schreibtisch. Nicht die ganze Kanzlei umbauen, nur dieses eine Stück. Beide Wege aus Teil 3 beginnen genau hier, denn ohne gewonnene Zeit habt ihr nichts, was ihr in Volumen oder Aufmerksamkeit stecken könntet.
Viertens: ein Datum. Legt fest, bis wann ihr euch entschieden habt, welche Kanzlei ihr sein wollt. Nicht heute. Aber auch nicht »irgendwann«. Zwölf Monate sind ein guter Zeitraum. Schreibt das Datum in den Kalender, als wäre es eine Frist. Ihr wisst besser als jeder andere, was mit Dingen passiert, die keine Frist haben.
Das ist keine Strategie. Es ist ein Montag. Aber ein Montag, an dem ihr etwas getan habt, ist mehr wert als ein Jahr, in dem ihr euch Sorgen gemacht habt.
»Die Antwort auf Angst ist keine Strategie. Es ist ein Montag, an dem man eine Sache anders macht.«
Das Licht am Ende
Ich habe in dieser Reihe viel über Sterben geschrieben. Kaiser's, Plus, die Mitte. Deshalb möchte ich zum Schluss sagen, woran ich wirklich glaube: Die kommenden zehn Jahre können die besten sein, die Anwält:innen je hatten — im Mietrecht, im Arbeitsrecht, im Familienrecht, überall dort, wo Menschen Recht brauchen und es sich bisher nicht leisten konnten.
Die Nachfrage war nie größer. In fast jedem Rechtsgebiet gibt es einen riesigen Markt, der schläft: Fälle, die berechtigt wären, aber nie verfolgt werden, weil sich der einzelne Fall für niemanden gerechnet hat. Die zu Unrecht gekündigte Aushilfe, die falsch berechnete Nebenkostenabrechnung, der Unterhalt, um den sich niemand kümmert. Im Mietrecht schätzt Daniel Halmer, dass drei Viertel der Berliner Mietverträge nie überprüft werden, obwohl viele davon angreifbar wären. Das ist kein schrumpfender Markt. Es ist ein Markt, der nur darauf wartet, dass sich jemand für ihn rechnet.
Zum ersten Mal rechnen sie sich. Die Anwältin S. aus Welle Drei hat es vorgemacht. Mietpreisbremse-Mandate, die sie früher höflich abgelehnt hat, sind heute der profitabelste Teil ihrer Praxis. Sie hilft mehr Mieterinnen als je zuvor, arbeitet weniger und verdient mehr. Das war noch vor Kurzem ökonomisch unmöglich.
Ihr bekommt euren Beruf zurück. Die Maschine nimmt euch die Tätigkeiten ab, für die ihr nie Jura studiert habt. Das Sortieren, das Abtippen, das Nachtelefonieren, das Protokollieren am Sonntagabend. Was bleibt, ist das, weswegen die meisten von euch Anwältin oder Anwalt geworden sind: Urteil, Verhandlung, Verantwortung, die Mandantin in der Krise.
Und die Kleinen sind im Vorteil. Die großen Kanzleien sind langsam, festgefahren in ihren Strukturen und Partnerrunden. Eine Solo-Anwältin kann sich an einem Montag entscheiden und am Freitag etwas geändert haben. In einer Verschiebung wie dieser gewinnt nicht der Größte, sondern der Schnellste.
Erinnert euch, wie Aldi angefangen hat. Nicht mit einem Konzern, nicht mit Investoren, nicht mit einer Gesetzesänderung. Mit zwei Brüdern, einem Laden in Essen-Schonnebeck und einer einzigen Frage, anders herum gestellt.
Der erste Rechts-Discounter in Deutschland wird genauso anfangen. Und das erste Schaufenster auch. Irgendwo, in irgendeiner Kanzlei, die heute noch aussieht wie alle anderen. Die Frage ist nur, ob es eure ist.
»Der Discounter, vor dem ihr Angst habt, könnte eure eigene Kanzlei sein. Ihr müsst nur vor den anderen anfangen.«
Diesmal fragt euch niemand
Vier Teile, eine Geschichte. Der Discounter hat den deutschen Lebensmittelhandel umgebaut, nicht über Nacht, sondern über fünfzig Jahre, in denen jedes einzelne Jahr alles noch in Ordnung schien. England hat die Tür für den Rechts-Discounter geöffnet, und er ist nicht gekommen, weil die Produktion teuer blieb. Die Produktion ist jetzt billig. Und es gibt zwei Arten zu gewinnen, Aldi Law und Apple Law, und eine Art zu verlieren: die Mitte.
In Freiburg hat man euch erklärt, wie man KI sicher benutzt. Das war nötig. Aber die Richtung muss jeder selbst wählen, und das kann euch keine Tagung abnehmen, kein Verband und auch keine Software.
Die Albrechts haben niemanden gefragt. Der Discounter im Recht wird auch niemanden fragen. Und genau deshalb dürft ihr ebenfalls niemanden fragen — nicht die Kammer, nicht die Kollegen, nicht den nächsten Anwaltstag. Ihr müsst euch nur selbst fragen, und zwar diese Woche.
Welche Kanzlei wollt ihr sein?
Wenn ihr darauf eine Antwort habt, schreibt mir. Wenn ihr keine habt, schreibt mir auch. Die zweite Gruppe ist die, mit der ich am liebsten rede.
Eure Konkurrenz ist nicht der Discounter.
Eure Konkurrenz ist die Kanzlei von nebenan, die sich als Erste entscheidet.